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"Festhalten und erst aussteigen, wenn ich es sage!"
Das war die kurze und präzise Anweisung, die ich unbedingt
zu befolgen hatte. Aussteigen bedeutet ja, daß man vorher
eingestiegen ist, zwischen diesen beiden Tätigkeiten Zeit
verstrichen ist und eine kürzere oder längere Strecke
zurückgelegt wurde.
Aber was war das für ein Gefährt? Ein Rennauto oder
ein Pferdeschlitten, eine Schiffschaukel oder ein Paddelboot? Nun,
es war ein Ballonkorb. Bevor wir fahren konnten, mußten der
Ballon, der Korb, der Brenner und die Gasflaschen zu einem geeigneten
Startplatz geschafft werden - am besten auf eine Wiese in einer
windgeschützten Waldecke. Ohne Helfer ist das nicht zu machen.
Vier waren es, dazu der Pilot und ich. Zuerst bereiteten wir den
Korb vor, montierten das Gestänge, hängten den Brenner ein und schlossen die Gasleitungen
an. Danach wurde die Hülle ausgebreitet und mit einem großen
Ventilator Luft hineingeblasen, so daß sie sich bald blähte.
Langsam bekam der Ballon seine Form. Dann schoß heiße
Luft in die Hülle. Alles ging sehr schnell. Der notwendige
Auftrieb war da. Auf Kommando des Piloten kletterte ich in den
Korb, und ab ging es. Ich wußte nicht, wohin ich zuerst
schauen sollte, auf die winkenden Menschen am Boden, auf die immer
weiter wachsende Landschaft von bunten Wiesen, erntereifen Feldern,
grünen Waldstücken und sich in niedrige Senken duckenden
Dörfern oder in die gelbe zischende Flamme über mir.
Bald waren wir 500 Meter hoch über dern Boden, Wohin würden
die Kräf te der Natur uns treiben?
Sanft schob der Wind den Korb weiter. Ich sah die kleine Welt
unter mir mit anderen Augen. Da war der große Garten mit
dem kurzgeschorenen Rasen, den blühenden Blumenrabatten,
der Grillstelle und der frischgestrichenen Hütte. Als Fußgänger
hätte ich von dieser kleinen Idylle wegen der hohen und dichten Hecke
nichts sehen können.
Wenig später schwebten wir über ein kleines Dorf. Die
Frau neben einern Haus unterbrach das Aufhängen der Wäsche
und schaute nach oben. Die Augen hatte sie gegen das Sonnenlicht
mit der Hand abgeschirmt. Auch der Fahrer eines Lieferwagens riskierte
einen Blick, bevor er seine Tour fortsetzte. Spielende Kinder
machten sich gegenseitig aufmerksam, blinzelten nach oben und
winkten. Irritiert war alleine der Hund auf einem Hof. Er konnte
sich nur schwer entscheiden, was er verbellen sollte, den Schatten,
der über das Anwesen huschte, oder das Gefährt hoch
oben in der Luft.
Er wechselte ab. Seine Verwrrung war aus dem Korb gut erkennbar.
Gebannt genoß ich die Fahrt. Der Ballon glitt über
eine Kirche hinweg. Die grünlich schimmernden Ziegel leuchteten
in der bald untergehenden Sonne, und wir blickten senkrecht auf
die Turmspitze hinunter. Alles andere, auf das rnan hinabschaut, kann man sich
auch vom Boden aus gut vorstellen, wie zum Beispiel Häuser
oder Bäume oder Felder. Der Blick aber von oben auf den Wetterhahn
einer Kirche ist nicht vorstellbar.
Der Pilot machte mich auf den Albtrauf aufrnerksarn. Wir schwebten
am Plettenberg mit seinem Fernsehturm, äm 1000 Meter hohen
Schafberg, am kahlen Lochenstein, später am Hörnle und
am Böllat vorbei. Das hinterliegende Burgfelden mit seiner
romanischen Kirche war gut zu erkennen. Überall hatte ich
schon gestanden, mühsam die Höhen erklommen, um mich
an der Aussicht zu erfreuen. Doch von hier oben boten Täler und Höhen,
Dörfer und Weiler, Wiesen, Felder und Wälder ein wirklich
großartiges Panorama. Der Hundsrücken gab dann den
Blick auf die Burg Hohenzollern frei. Für den Wanderer ist
es schon ein Erlebnis, vom Zeller Horn auf die Burg zu schauen.
Von der Höhe des fahrenden Ballons wirkte der Berg mit seiner
romantischen Burg und den wehrhaften Mauern noch viel mächtiger.
Nach einer für mich viel zu kurzen Fahrt von 70 Minuten landete
der Pilot auf einer Wiese in der Nähe des Schlosses Lindich.
Wie ein Maikäfer, den man auf den Rücken gelegt hat,
kauerte ich in dern umgestürzten Korb. "Festhalten,
nicht aussteigen ! " schoß es mir immer wieder durch
den Kopf. Endlich durfte ich mich aus dem Korb rollen lassen und
lag im Gras.
Nach einigen Minuten hatte uns die Abholmannschaft, zu
der wir ständig Funk- und meistens Blickkontakt gehabt hatten,
gefunden. Alle Beteiligten standen nun zu einem immer gleich
ablaufenden Ritual bereit: der Taufe des Neulings. Mir wurde mit einem
überdimensionalen Feuerzeug eine Locke arn Kopf angezündet
und sofort mit Champagner gelöscht. Mit dem größeren
Rest der Flasche wurde dann auf das Wohl des Täuflings
angestoßen. Nach kurzer Überlegung gab der Pilot mir einen
neuen Namen. Auf Anforderung muß ich ihn jederzeit fehlerlos
nennen können:
"Schnellgefahrener Graf Karl Jürgen vom Schloß
Lindich".
Anmerkung:
Die Fahrt führte von Rottweil-Zepfenhan nach Stein bei Hechingen.
Fahrtdauer: 1:10 Std.
Entfernung: 26 Km
Geschwindigkeit: 22,3 km/h
Der Aufsatz wurde dem Buch "Stück für Stück"
der Textwerkstatt Böblingen-Sindelfingen, das
im Ruth Sailer Verlag Sindelfingen 1997 erschien,
entnommen.
ISBN 3-9803224-8-3
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