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Eine andere Sicht - Karl-Jürgen Bunnenberg

"Festhalten und erst aussteigen, wenn ich es sage!" Das war die kurze und präzise Anweisung, die ich unbedingt zu befolgen hatte. Aussteigen bedeutet ja, daß man vorher eingestiegen ist, zwischen diesen beiden Tätigkeiten Zeit verstrichen ist und eine kürzere oder längere Strecke zurückgelegt wurde.
Aber was war das für ein Gefährt? Ein Rennauto oder ein Pferdeschlitten, eine Schiffschaukel oder ein Paddelboot? Nun, es war ein Ballonkorb. Bevor wir fahren konnten, mußten der Ballon, der Korb, der Brenner und die Gasflaschen zu einem geeigneten Startplatz geschafft werden - am besten auf eine Wiese in einer windgeschützten Waldecke. Ohne Helfer ist das nicht zu machen. Vier waren es, dazu der Pilot und ich. Zuerst bereiteten wir den Korb vor, montierten das Gestänge, hängten den Brenner ein und schlossen die Gasleitungen an. Danach wurde die Hülle ausgebreitet und mit einem großen Ventilator Luft hineingeblasen, so daß sie sich bald blähte. Langsam bekam der Ballon seine Form. Dann schoß heiße Luft in die Hülle. Alles ging sehr schnell. Der notwendige Auftrieb war da. Auf Kommando des Piloten kletterte ich in den Korb, und ab ging es. Ich wußte nicht, wohin ich zuerst schauen sollte, auf die winkenden Menschen am Boden, auf die immer weiter wachsende Landschaft von bunten Wiesen, erntereifen Feldern, grünen Waldstücken und sich in niedrige Senken duckenden Dörfern oder in die gelbe zischende Flamme über mir. Bald waren wir 500 Meter hoch über dern Boden, Wohin würden die Kräf te der Natur uns treiben?

Sanft schob der Wind den Korb weiter. Ich sah die kleine Welt unter mir mit anderen Augen. Da war der große Garten mit dem kurzgeschorenen Rasen, den blühenden Blumenrabatten, der Grillstelle und der frischgestrichenen Hütte. Als Fußgänger hätte ich von dieser kleinen Idylle wegen der hohen und dichten Hecke nichts sehen können.
Wenig später schwebten wir über ein kleines Dorf. Die Frau neben einern Haus unterbrach das Aufhängen der Wäsche und schaute nach oben. Die Augen hatte sie gegen das Sonnenlicht mit der Hand abgeschirmt. Auch der Fahrer eines Lieferwagens riskierte einen Blick, bevor er seine Tour fortsetzte. Spielende Kinder machten sich gegenseitig aufmerksam, blinzelten nach oben und winkten. Irritiert war alleine der Hund auf einem Hof. Er konnte sich nur schwer entscheiden, was er verbellen sollte, den Schatten, der über das Anwesen huschte, oder das Gefährt hoch oben in der Luft.
Er wechselte ab. Seine Verwrrung war aus dem Korb gut erkennbar.

Gebannt genoß ich die Fahrt. Der Ballon glitt über eine Kirche hinweg. Die grünlich schimmernden Ziegel leuchteten in der bald untergehenden Sonne, und wir blickten senkrecht auf die Turmspitze hinunter. Alles andere, auf das rnan hinabschaut, kann man sich auch vom Boden aus gut vorstellen, wie zum Beispiel Häuser oder Bäume oder Felder. Der Blick aber von oben auf den Wetterhahn einer Kirche ist nicht vorstellbar.
Der Pilot machte mich auf den Albtrauf aufrnerksarn. Wir schwebten am Plettenberg mit seinem Fernsehturm, äm 1000 Meter hohen Schafberg, am kahlen Lochenstein, später am Hörnle und am Böllat vorbei. Das hinterliegende Burgfelden mit seiner romanischen Kirche war gut zu erkennen. Überall hatte ich schon gestanden, mühsam die Höhen erklommen, um mich an der Aussicht zu erfreuen. Doch von hier oben boten Täler und Höhen, Dörfer und Weiler, Wiesen, Felder und Wälder ein wirklich großartiges Panorama. Der Hundsrücken gab dann den Blick auf die Burg Hohenzollern frei. Für den Wanderer ist es schon ein Erlebnis, vom Zeller Horn auf die Burg zu schauen. Von der Höhe des fahrenden Ballons wirkte der Berg mit seiner romantischen Burg und den wehrhaften Mauern noch viel mächtiger.
Nach einer für mich viel zu kurzen Fahrt von 70 Minuten landete der Pilot auf einer Wiese in der Nähe des Schlosses Lindich. Wie ein Maikäfer, den man auf den Rücken gelegt hat, kauerte ich in dern umgestürzten Korb. "Festhalten, nicht aussteigen ! " schoß es mir immer wieder durch den Kopf. Endlich durfte ich mich aus dem Korb rollen lassen und lag im Gras.

Nach einigen Minuten hatte uns die Abholmannschaft, zu der wir ständig Funk- und meistens Blickkontakt gehabt hatten, gefunden. Alle Beteiligten standen nun zu einem immer gleich ablaufenden Ritual bereit: der Taufe des Neulings. Mir wurde mit einem überdimensionalen Feuerzeug eine Locke arn Kopf angezündet und sofort mit Champagner gelöscht. Mit dem größeren Rest der Flasche wurde dann auf das Wohl des Täuflings angestoßen. Nach kurzer Überlegung gab der Pilot mir einen neuen Namen. Auf Anforderung muß ich ihn jederzeit fehlerlos nennen können:

"Schnellgefahrener Graf Karl Jürgen vom Schloß Lindich".

Anmerkung:
Die Fahrt führte von Rottweil-Zepfenhan nach Stein bei Hechingen.
Fahrtdauer: 1:10 Std.
Entfernung: 26 Km
Geschwindigkeit: 22,3 km/h

Der Aufsatz wurde dem Buch "Stück für Stück"
der Textwerkstatt Böblingen-Sindelfingen, das
im Ruth Sailer Verlag Sindelfingen 1997 erschien,
entnommen.
ISBN 3-9803224-8-3

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